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In welchem Sinne könnte Gott allmächtig sein?

In welchem Sinne könnte Gott allmächtig sein?

I. Einleitung

„Bei Gott sind alle Dinge möglich.“[1]

Theisten glauben typischerweise, dass Gott allmächtig (oder omnipotent)[2] ist. Doch Omnipotenz erweist sich bei näherer Betrachtung als ein nicht trivial zu definierender Begriff. Immer wieder wurden und werden Paradoxa und Schwierigkeiten angeführt, die den Begriff der Allmacht inkohärent erscheinen lassen. Auch die Lösungen, welche Philosophen wie Swinburne[3], Wierenga[4] oder Pike[5] vorgestellt haben, schmecken nicht jedem.

II. Warum das Ganze?

Die Frage, ob bzw. in welcher Weise Gott allmächtig sein kann, berührt das Herz des Theismus. Insbesondere Zweifel an der Vereinbarkeit von Gottes Allmacht und Gottes moralischer Perfektion stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für den theistischen Glauben dar. Theisten verteidigen in der Regel die Kohärenz von Gottes Allmacht mit seinen anderen Eigenschaften auf verschiedenen Wegen, da es ihnen um Gottes Ehre geht; Kritiker greifen den Omnipotenzbegriff gerne auf, um den Glauben an Gott ad absurdum zu führen.

III. Vorbemerkungen

Folgende Dinge gilt es bei obiger Fragestellung zu beachten:

    1. Die Frage zielt auf die Allmacht Gottes, verstanden im klassischen westlich-theistischen Sinne, ab. Es geht also nicht darum, ob die Vorstellung von einem nicht näher definierten allmächtigen Wesen (ob Gott oder ein nichtgöttliches Wesen) kohärent ist.
    2. Gott wird hier verstanden im klassischen theistischen Sinne, nämlich ein als ein notwendig existierendes, ewiges[6], allgegenwärtiges, allwissendes, moralisch vollkommenes und eben allmächtiges Geistwesen, das zudem die vorgenannten Eigenschaften essenziell besitzt, d.h. keine von ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt ablegen kann. Dies sagt noch nichts darüber aus, in welchem Umfang Gott von seiner Allmacht tatsächlich Gebrauch macht, aber dazu später mehr.

IV. Eine schlanke Definition von Gottes Omnipotenz

(GA) Gott ist allmächtig =df Gott kann alle Zustände hervorbringen, die im Einklang mit seinen sonstigen Eigenschaften stehen. („Können“ wird hier im Sinne von (ii), also im Sinne von Ausführung verstanden).

Diese Definition ist wesentlich schlanker und weniger formal als die Definitionen anderer zeitgenössischer Philosophen. Dass sie diesen komplexeren Konstrukten inhaltlich in nichts nachsteht, zeige ich im Folgenden. Dabei verteidige ich ihre einzige Bedingung „…die im Einklang mit seinen sonstigen Eigenschaften stehen“ gegen Einwände.

IV.1. Gott tut nicht, sondern bringt Zustände hervor

„Gott kann alles tun“ ist eine aus verschiedenen Blickwinkeln unzureichende Auffassung von Gottes Allmacht. Einige dieser Blickwinkel lernen wir weiter unten kennen, hier geht es jedoch zunächst einmal um den Begriff „tun“. Offensichtlich „tut“ Gott nicht in jeder Hinsicht wie wir Menschen. So müssen wir z.B. verneinen, dass Gott Ski fahren oder eine Slackline entlangbalancieren kann, ganz einfach weil er keinen Körper hat um diese Tätigkeiten auszuführen. Aus dem gleichen Grund ist es besser, in Bezug auf physikalische Auswirkungen von Gottes Handlungen so zu sprechen, dass Gott sie bewirkt, also nicht „Gott hob den Stein“, sondern „Gott bewirkte die Anhebung des Steins“.

Kann deshalb Gott etwa weniger als ein gewöhnlicher Mensch? Es ist klar, dass Gott nach theistischem Verständnis insgesamt viel mehr kann als jeder Mensch und auch sonst jeder Handelnde. Er kann Universen erschaffen und vernichten, das Wetter lenken und Tote auferwecken. Viele dieser Tätigkeiten sind weitaus komplexer als das Anheben eines Steins. Als Begriff, um alle diese Tätigkeiten zusammenzufassen, bietet sich „hervorbringen“ an. Dieser Begriff bietet den Vorteil, alle Zustände zu erfassen, die Gott indirekt bewirkt, indem er bestimmte Zustände direkt hervorbringt (zum Beispiel dass Pflanzen sich vermehren können, indem er sie mit der Fähigkeit zur Fortpflanzung ausgestattet hat).

Deshalb werde ich im Folgenden stets die Formulierung „Gott bringt Zustände hervor“ wählen.

V. Gott kann alles tun, was im Einklang mit seinen

Wenn Gottes alles tun kann, was im Einklang mit seinen Eigenschaften steht, bedeutet das im Umkehrschluss, dass er bestimmte Dinge nicht tun kann, die nicht im Einklang mit seinen Eigenschaften stehen. „Nicht im Einklang mit“ interpretiere ich in Bezug auf Gott als „im Widerspruch zu“.

Deswegen können wir (GA) auch umformulieren in:

(GA*) Gott ist allmächtig =df Gott kann alle Zustände hervorbringen, außer solche, die im Widerspruch zu seinen Eigenschaften stehen.

Ich werde nun zeigen, wie wir auf Basis dieser Definition ein Verständnis von göttlicher Allmacht gewinnen können, das Gott nicht ungebührlich einschränkt und ihm Ehre macht. Es handelt sich um eine Definition, welche die einzigen Zustände, die Gott nicht hervorbringen kann, mit seinen Eigenschaften – christliche Theologen würden sagen, seiner „Herrlichkeit“ – begründet und nicht mit externen, von Gott unabhängigen Faktoren. Genauer gesagt, kann Gott keine Zustände hervorbringen, die

      1. voraussetzen oder nach sich ziehen würden, dass er aufhört zu existieren oder allwissend, allgegenwärtig oder perfekt rational zu sein
      2. voraussetzen oder nach sich ziehen würden, dass er aufhört, allmächtig zu sein
      3. hervorzubringen moralisch verwerflich wäre
      4. im Widerspruch zu seinem Wesen stehen hinsichtlich Rationalität und Ästhetik

Hier ist allerdings eine Unterscheidung nötig. Nur die unter 1. aufgezählten Punkte meinen „können“ im Fähigkeits-Sinn, bei 2. bis 4. ist der Ausführungs-Sinn gemeint. Mir ist bewusst, dass diese Unterscheidung meine Theorie im Ockhamschen Sinne komplexer macht, jedoch sehe ich dieses Manko durch die insgesamte Schlankheit meiner Definition bei weitem ausgeglichen.

Zu 1.: Es herrscht unter Philosophen allgemein Konsens darüber, dass das hier verwendete Konzept von Gott ausschließt, dass Gott aufhört zu existieren oder aufhört, allwissend, allgegenwärtig oder perfekt rational zu sein. Diese Attribute werden Gott als essenziell zugeschrieben. Offenbar die Verknüpfung

1a        Gott kann nicht nicht existieren

1b        Gott hört am 07. Januar 2018 auf, zu existieren

falsch, da sie einen logischen Widerspruch beinhaltet. Dies gilt analog für seine Allwissenheit und Allgegenwart. Neben der logischen Unmöglichkeit möchte ich aber noch ein Argument anführen: Es gibt keine denkbare Handlung, mit der Gott seine Existenz, Allwissenheit oder Allgegenwart beenden könnte. Es gibt keinen vernünftigen Sinn, in dem Gott Selbstmord begehen, vergessen bzw. ignorieren oder sich von irgendwo zurückziehen könnte.

Einwand: Gott kann seine Allgegenwart sehr wohl lokal beenden. In der Bibel wird mehrfach gesagt, dass Gott sich unter bestimmten Umständen von Menschen abwendet. Zudem gibt es die Theorie, dass die Hölle ein Ort sei, an dem Gott nicht präsent ist.

Entgegnung: Der Einwand beruht auf einem unpräzisen Verständnis des Begriffs „Gegenwart Gottes“. In einem schwachen Sinne kann sich Gott sehr wohl von Orten und auch Menschen zurückziehen; was dann fehlt, ist seine besondere Nähe sowie sein Segen und Schutz. Man könnte dies vergleichen mit einer Ehefrau, die zwar physisch da ist, jedoch wegen eines Fehlverhaltens ihres Ehemanns die Beziehung zu ihm zeitweise nicht so hingegeben führt wie sonst. Dass sich Gott in einem starken Sinne zurückzieht – also dann am entsprechenden Ort überhaupt nicht mehr existiert – ist kaum vorstellbar. Auch die Hölle ist am besten so zu verstehen, dass Gott sich im schwachen Sinne sehr stark und endgültig zurückzieht. Dass Gott in der Hölle in keinster Weise existiert, ist nicht vernünftig anzunehmen. Nicht zuletzt gibt es biblische Belege dafür, dass sogar Menschen im Jenseits die Möglichkeit gegeben wird, die Hölle zu sehen und mit den sich dort befindlichen Seelen zu interagieren[8], a fortiori  hätte also auch Gott diese Möglichkeit.

Zu 2.: Die Unmöglichkeit Gottes, seine Allmacht abzulegen, führe ich bewusst als eigenen Punkt auf. Im Gegensatz zu den unter 1. genannten Attributen sehe ich nämlich hier die Möglichkeit einer Handlung, durch die Gott seine Allmacht zumindest de facto ablegen könnte: Gott könnte seine Allmacht auf ein anderes Wesen übertragen und gleichzeitig „die Hände in den Schoß“ legen[9]. Dies wäre ein Können im Sinne von Fähigkeit. Gott wird dies allerdings niemals ausführen, weil dadurch seine Göttlichkeit kompromittiert würde. Die Übertragung von Allmacht auf ein moralisch nicht vollkommenes Wesen wäre z.B. eine moralisch verwerfliche Handlung, weil damit Machtmissbrauch quasi vorprogrammiert wäre; Gott würde in seiner „Aufgabe“ als gerechter Richter und Herrscher des Universums versagen. Doch Gott wird dies niemals tun; ich gehe davon aus, dass ihn wegen seiner perfekten Rationalität und Moral noch nicht einmal der Wunsch dazu überkommt. Dies mag klingen wie eine Unfähigkeit, die Allmacht abzulegen, und vielleicht trifft dies auch zu; solange jedoch die oben aufgeführte denkbare Handlung zum Abdanken von der Allmacht nicht ad absurdum geführt worden ist, halte ich an der Position fest, dass Gott zwar fähig ist, seine Allmacht zu übertragen, es aber aus Gründen der Rationalität und Moral nicht ausführt.

Zu 3.:

2a        Gott kann nicht sündigen.

scheint zunächst einmal eine klare Absage an die Allmacht Gottes zu sein. Wenn Gott nicht sündigen kann, kann er eben doch nicht alles; will man ihm hingegen zusprechen, dass er sündigen kann, hat man die Lehre von der (moralischen) Unfehlbarkeit Gottes unterminiert, was wie das noch größere Übel erscheint. Ich möchte jedoch zeigen, dass man mit der Formulierung „Gott kann sündigen“ – in der richtigen Weise verstanden – Gottes Allmacht und seine Unfehlbarkeit aufrecht erhalten kann.

Versteht man 2a im Sinne von Ausführung, kann man 2a wie folgt umformulieren:

2b        Gott führt keine Handlungen aus, die Sünde sind.

Unter Einbezug der Vorüberlegungen aus IV.1 kann man weiter präzisieren:

2c        Gott bringt keine Zustände hervor, die hervorzubringen Sünde ist.

Damit ist nicht gesagt, dass Gott nicht die Fähigkeit hätte, solche Handlungen auszuführen. Es scheint nicht haltbar, zu behaupten, Gott habe einfach nicht die Fähigkeit, grundlos Menschen zu töten oder seine Versprechen zu brechen. Vielmehr ist es die Ausführung, an der er sich selbst hindert. Schmälert diese Position in irgendeiner Weise Gottes Herrlichkeit? Ich meine nicht. Vielmehr bin ich der Auffassung, dass Gott gar nicht moralisch vollkommen sein könnte, wenn er nicht die Fähigkeit zum Sündigen hätte. Ich zitiere Nelson Pike:

Wenn ein Individuum nicht die notwendige kreative Macht hätte um böse Zustände hervorzubringen, kann es nicht (moralisch) dafür gepriesen werden, sie nicht hervorzubringen[10].

Mit Pike bin ich der Meinung, dass diese Auffassung Gottes Ehre erhöht, weil es dann erstens keine Einschränkung für seine Fähigkeit gibt und zweitens – noch wichtiger – seine stets moralisch perfekten Handlungen einem Willensentschluss entspringen und nicht einer Unfähigkeit, anders zu handeln. Nehmen wir an, ich sei 2 Meter groß, wiege 120 Kilogramm und wäre ein muskelbepackter Kickboxer. Ich verdiene dann moralische Anerkennung, wenn ich einen Streit mit einem körperlich schwachen und der Kampfkunst unkundigen Mann durch Dialog statt mit den Fäusten beilege. Sollte ich jedoch der körperlich Schwache und mein Gegenüber Jean-Claude van Damme in seinen besten Jahren sein, wäre es geradezu lächerlich, mich zu rühmen, ich hätte im Streit großzügig davon abgesehen ihm alle Knochen zu brechen.

Mit der skizzierten „moralischen Selbstverpflichtung“ Gottes lassen sich auch zwei weitere strittige Punkte mit Gottes Omnipotenz harmonisieren: die Frage nach der Unabänderlichkeit der Vergangenheit sowie die Frage nach der Handlungsfreiheit von Menschen.

Generell wird in der Literatur davon ausgegangen, dass auch Gott die Vergangenheit nicht abändern könne (im Fähigkeits-Sinn). Allerdings räumen sogar Flint & Freddoso – die ansonsten den Allmachtsbegriff auf gegenwärtige und zukünftige Zustandsänderungen beschränken – ein, dass es logisch möglich sei, dass ein Handelnder die Vergangenheit verändert[11]. Wenn es aber logisch möglich ist, muss man Gründe dafür liefern, warum Gott es dann nicht tut. Eine Option ist, die Vergangenheit als notwendig zu betrachten, womit eine Veränderung der Vergangenheit einem logischen Widerspruch der Gewichtsklasse „2 + 2 =3“ gleichkommen würde.

Mich überzeugt dies nicht. Dass 2 + 2 = 4 ist, erscheint uns unausweichlich, weil es dies offenbar auch ist; dass die Vergangenheit notwendig so bleiben muss, wie sie ist, kann man nur als „unausweichlich“ verstehen, wenn man davon ausgeht, dass der jetzige Zustand (welcher ja das Ergebnis der vergangenen Prozesse ist) notwendig ist. Dies scheint mir nicht haltbar. Denken wir an „Zurück in die Zukunft I“: Dort sorgt Marty McFly durch seine Reise in die Vergangenheit für eine solche Veränderung bei seinem Vater, dass dieser sich zu einem wohlhabenden, selbstbewussten Selfmade-Man entwickelt statt ein schwächlicher „Loser“ zu bleiben. Wir können uns solche Vorgänge also vorstellen, sogar für menschliche Handelnde. Was also sollte es Gott prinzipiell unmöglich machen, vergangene Zustände abzuändern?

Meine Antwort: Seine moralische Vollkommenheit. Die Vergangenheit abzuändern hieße unweigerlich, in die freien Willensentscheidungen von Menschen dergestalt einzugreifen, dass ihr freier Wille bloße Makulatur wird. Stellen wir uns Egon vor, der betrunken Auto fährt, obwohl er auf der Party mehrfach von Freunden davor gewarnt wurde, sich hinters Lenkrad zu setzen. Er baut einen Unfall, dabei stirbt ein Kind. Wenn Gott nun rückwirkend eingreifen würde, z.B. indem er dafür sorgt dass Egons Auto nicht anspringt, würde zwar das Kind gerettet, das moralische Gewicht von Egons Entscheidungen – und im Grunde das aller Menschen – wäre gleich Null. Denn moralisch bedeutsame Entscheidungen haben die Eigenschaft, dass etwas auf dem Spiel steht. Wenn auch nur eine moralisch falsche Entscheidung oder deren Konsequenzen von Gott rückwirkend rückgängig gemacht würden, stünde die gesamte menschliche Willensfreiheit, die eben auch die Möglichkeit moralisch verwerflicher Handlungen inkludiert, vor dem Aus.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Gott die Vergangenheit nicht deswegen unverändert lässt, weil er sie nicht ändern kann (im Sinne von Fähigkeit), sondern weil er aus freien Stücken davon absieht (im Sinne von Ausführung), motiviert durch seine moralische Vollkommenheit.

Bleiben wir bei der Handlungsfreiheit und gehen in die Gegenwart. Betrachten wir folgende Konditionalproposition:

3)         Wenn ich dir 10 Euro für dein Auto anbiete, verkaufst du es mir.

Muss Gott als Bestandteil seiner Omnipotenz in der Lage sein, alle Zustände ähnlich 3) hervorzubringen? Solche kontingenten und logisch möglichen Zustände verletzen keine der bisherigen Einschränkungen, die wir bezüglich Gottes Omnipotenz gemacht haben. Dennoch gehört es nicht zu Gottes Allmachts-Repertoire, alle Zustände ähnlich 3) hervorzubringen. Um dies zu verstehen, ist die von Edward Wierenga[12] gemachte Unterscheidung zwischen schwacher Verursachung (weak actualization) und starker Verursachung (strong actualization) hilfreich. Eine schwache Verursachung liegt zum Beispiel vor, wenn Thomas seinem Freund Egon rät, 5 Portionen Obst und Gemüse am Tag zu essen; die starke Verursachung fällt Egon zu, wenn er tatsächlich 5 Portionen Obst und Gemüse am Tag ist.

Gott kann (im Sinne von Fähigkeit) alle Zustände ähnlich 3) nur dann hervorbringen, wenn er sie stark verursacht. Dann aber müsste er eine Sache zumindest zeitweise beseitigen, die er offenbar jedem Menschen in die Wiege gelegt hat: den freien Willen. Dies wäre allerdings moralisch verwerflich, da er damit ein „Quasi-Versprechen“ brechen würde. Wir haben alle das Gefühl, tatsächlich bedeutsame Entscheidungen treffen zu können, und werden auch tagtäglich mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen konfrontiert; wir stellen uns dementsprechend darauf ein, und wenn in einigen Fällen die Gesetzmäßigkeit der freien Wahl plötzlich außer Kraft gesetzt wäre, würden wir uns zurecht fragen, worauf wir uns denn noch verlassen können.

Wenn also Gott menschliche Entscheidungen nicht stark verursachen kann, dann wenigstens doch schwach? Auch hier zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass diese Position nicht haltbar ist. Dazu müsste z.B. 3) in jeder möglichen Welt wahr sein. Es ist aber möglich (und bei dem Preis sogar sehr wahrscheinlich), dass 3) in wenigstens einer möglichen Welt falsch ist, was am freien Willen des Verkäufers liegt. Also muss Gott keinerlei Zustände, die durch einen menschlichen Handelnden stark verursacht werden, schwach verursachen können; eine starke Verursachung kommt deswegen nicht in Frage, weil er sonst etwas moralisch Verwerfliches tun würde, nämlich den freien Willen des Menschen wenigstens kurzzeitig außer Kraft zu setzen.

Einwand: Das Argument, Gott könne keine freien Entscheidungen von Menschen stark verursachen, ist ein logischer Widerspruch. Gott kann nichts tun, was logisch widersprüchlich ist. Der Bezug auf Gottes moralische Perfektion ist daher unnötig.

Formuliert man 3) wie folgt um

3a)       Wenn ich dir 10 Euro für dein Auto anbiete, verkaufst du es mir aus freien Stücken.

scheint obiger Einwand berechtigt. „Stark verursachen“ bedeutet „ohne Wahl- und Einflussmöglichkeiten des Objekts“. Demnach würde aus 3a)

3b)       Wenn ich dir 10 Euro für dein Auto anbiete, bringt Gott ohne Wahl-  und Einflussmöglichkeit deinerseits den Zustand hervor, dass du dich frei dafür entscheidest, es mir zu verkaufen.

Der Punkt ist, dass in dieser Formulierung die menschliche Willensfreiheit bereits als notwendiges Faktum vorausgesetzt wird. Es ist jedoch alles andere als klar, dass Gott notwendigerweise Geschöpfe mit freiem Willen erschaffen musste. Er hätte auch eine Welt erschaffen können, in der es nur Wesen mit den Freiheitsgraden von Insekten gibt. Deswegen ist Gottes Allmacht an diesem Punkt nicht durch eine logische Unmöglichkeit begrenzt, sondern vielmehr durch seinen freien Entschluss zum Zeitpunkt der Erschaffung der Menschen, Wesen mit freiem Willen zu erschaffen. An diesen Entschluss hält Gott sich, wie bereits ausgeführt, wegen seiner moralischen Vollkommenheit, und nicht, weil er nicht anders kann (im Fähigkeits-Sinn).

Zu 4: Ein Theist würde zweifellos bejahen, dass ein Blick in die Welt und die Geschichte zeigt, dass Gott bei weitem nicht alle Dinge tut, die wir grundsätzlich mit einer kohärenten Idee von Omnipotenz in Einklang bringen können. Zum Beispiel hat Gott, soweit wir wissen, noch nie die Alpen eine Stunde lang einen halben Meter über dem Erdboden schweben lassen. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass ein allmächtiger Gott dies nicht könnte; falls er existiert, muss er also bestimmte Gründe haben, es nicht zu tun. Diese Gründe könnten durchaus moralischer Art sein. In einer ersten, sehr groben aber anschaulichen Näherung könnte man sagen, dass eine solche Machtdemonstration der Reife eines Halbstarken entsprechen würde und somit moralisch nicht vollkommen wäre, da von Egozentrik und Selbstdarstellung verunreinigt.

Man muss aber noch nicht einmal moralische Kategorien heranziehen, um verständlich zu machen, warum ein allmächtiger Gott solche Zustände bisher nicht hervorgebracht hat. Er könnte es auch aus rationalen oder ästhetischen Gründen tun. So könnte Gott wissen, dass es insgesamt weniger vernünftig ist, die Alpen einen halben Meter anzuheben als sie an ihrer Stelle zu lassen, weil dadurch das Vertrauen der Menschheit in die Naturgesetze erschüttert würde und dies weitreichende negative Konsequenzen hätte. Er könnte auch wissen, dass es insgesamt schöner ist, die Alpen an ihrer Stelle zu lassen als sie anzuheben.

Einwand: Die Definition erfasst nicht die Unmöglichkeit, dass Gott notwendige bzw. logisch unmögliche Zustände hervorbringt. Da es aber Zustände gibt, die Gott deswegen nicht hervorbringen kann, weil sie logisch unmöglich bzw. notwendig sind, gibt es eben doch Beschränkungen für Gottes Allmacht außerhalb von Gottes Wesen.

Die Position, Gott könne keine logisch unmöglichen und notwendigen Zustände hervorbringen, wird in der zeitgenössischen Philosophie von der Mehrheit der Autoren vertreten. Einzig Earl Conee[13] vertritt die Auffassung, dass Gott uneingeschränkt alle Dinge möglich sein sollten. Auch Descartes hat möglicherweise diese Position vertreten.

Die folgende Aussage ist notwendigerweise falsch:

(4) Es gibt ein kreisförmiges Quadrat.

Dies liegt daran, dass die Formen[14] „Quadrat“ und „Kreis“ sich gegenseitig ausschließen. Ein Objekt, das ein Quadrat ist, kann unmöglich ein Kreis sein. Die Definition eines Kreises ist:

(4a) Jeder Punkt des Umfangs muss exakt den gleichen Abstand zum Mittelpunkt haben.

Dahingegen gehört zur Definition eines Quadrats:

(4b) In einem Quadrat darf nicht jeder Punkt den gleichen Abstand zum Mittelpunkt haben.

Proposition (4) ist falsch, weil sie logisch unmöglich ist. Da Gott nichts logisch Unmögliches hervorbringen kann, kann er auch Zustände wie in (4) beschrieben nicht hervorbringen – so das Argument. Sehen wir uns noch die Begründung im Falle von notwendigen Zuständen an, bevor ich eine Lösung präsentiere, wie diese Fälle mit (GA) harmonieren.

Ein notwendiger Zustand ist einer, der immer zutreffen muss:

(5) Jedes Quadrat hat genau vier genau gleich lange Seiten.

Ein kontingenter Zustand hingegen ist einer, der nicht notwendig ist, d.h. zutreffen kann oder auch nicht:

(6) Es gibt ein Quadrat mit 30 Meter Seitenlänge.

Gemäß (GA) kann Gott Zustände vom Typ (6) hervorbringen, die Definition scheint paradoxerweise jedoch auch zuzulassen, dass Gott Zustände vom Typ (5) hervorbringt. Propositionen wie (6) sind nur dann wahr, wenn jemand den darin beschriebenen Zustand tatsächlich hervorbringt; er könnte aber auch von niemandem hervorgebracht werden (da er ja kontingent ist). Es ist nur möglich, dass Gott Zustände hervorbringt, die noch nicht existieren. Notwendige Zustände wie (1) sind jedoch immer wahr; sie existieren „ewig“; deshalb kann auch Gott sie nicht hervorbringen bzw. hervorgebracht haben, weil es keinen Zeitpunkt gegeben haben kann, an dem sie nicht existierten.

Dass Gott notwendige Zustände und logisch unmögliche Zustände jetzt nicht hervorbringen kann, ist unstrittig. Sie stellen klarerweise eine Beschränkung für seine Allmacht dar. Die Frage ist nur, ob dies wegen ihrer Notwendigkeit bzw. logischen Unmöglichkeit so ist, oder ob man diese Modalitäten noch tiefer begründen kann, sodass sie wieder mit (GA) zusammenpassen.

Die Göttliche Gedankentheorie der logischen Notwendigkeiten

Meine Lösung basiert darauf, dass logische Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten ein Ergebnis der vollkommenen Gedankenwelt Gottes sind.

Logische Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten kommen gesichert nur im Reich der Ideen vor; ob z.B. die Naturgesetze notwendig sind, ist eine noch ungeklärte Frage. Ein Standardbeispiel für eine logische Notwendigkeit ist „2 + 2 = 4“, eine logische Unmöglichkeit wäre demnach „2+2=5“. Wichtig ist noch einmal zu betonen, dass es sich hierbei nicht um Naturgesetze handelt, die wir in irgendeiner Weise durch Beobachtung erfassen können. „2+2=4“ ist nicht deshalb wahr, weil wir vier Birnen erhalten, wenn wir zu zwei Birnen noch zwei weiter hinzulegen.

Gott kann nicht wahrmachen, dass 2+2 fünf ergibt. Nun wird das meist so aufgefasst, dass die logische Notwendigkeit bzw. Unmöglichkeit eine unabhängig von Gott existierende Grenze sei, an die selbst er sich halten muss. Doch was, wenn er selbst diese Grenze ist? Logische Notwendigkeiten sind Ideen, die wir nicht anders denken und logische Unmöglichkeiten Ideen, die wir gar nicht denken können. Meine Göttliche Gedankentheorie der logischen Notwendigkeiten (GGT) besagt, dass diese logischne Notwendigkeiten bzw. Unmöglichkeiten Ausdrücke von Gottes Gedankenstruktur sind, die seiner perfekten Rationalität entspricht. Mit anderen Worten: Gottes Gedanke zu „2+2“ ist der Wahrmacher für das Ergebnis „4“.

Ich gehe davon aus, dass jede wahre Proposition einen „Wahrmacher“ (engl. truthmaker) hat. Die Wahrmacher für, zum Beispiel, die Arithmetik der ganzen Zahlen ist nicht so leicht auszumachen; er ist kein materielles Objekt, und auch kein menschlicher Gedanke, weil „2+2=4“ auch dann gilt, wenn kein Mensch es denkt. Was liegt näher, als den Gedanken Gott zuzuschreiben?

Somit passen auch logische Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten wieder mit (GA) zusammen. Gott muss nichts logisch Notwendiges und Unmögliches hervorbringen, weil dies im Widerspruch zu seiner vollkommen rationalen Gedankenwelt steht.

Einwand: Wenn es von Gottes Gedanken abhängt, ob 2+2=4 wahr ist, könnte Gott auch einfach „2+2=5“ denken, wenn es ihm gefiele. Dies scheint jedoch unmöglich, da „2+2=5“ keine verständliche Aussage ist.

Der Einwand ähnelt an dieser Stelle ein wenig den Vorwürfen, die der „Divine Command Theory“ gemacht werden. Der Widerstand rührt daher, dass man Gott für willkürlich hält, wenn er per Dekret bestimmen könnte, was moralisch richtig ist und was nicht, bzw. wenn er per Gedanken die arithmetischen Gesetze ändern könnte.

Der Punkt ist, dass Gott keinerlei Willkür übt, weil er perfekt rational ist und seine Gedanken einer unabänderlichen, rationalen Ordnung folgen. Es gehört essenziell und notwendig zu seinem Wesen, immer perfekt rationale Gedanken zu haben. Es besteht also keine Gefahr, dass er plötzlich vertraute mathematische Grundsätze abändert. Zudem sind gemäß GGT alle notwendigen A-Priori-Wahrheiten Ergebnis der göttlichen Gedankenwelt. Er hat sie sozusagen in die Welt, welcher er geschaffen hat, „hineingedacht“. Wollte er sie nachträglich abändern (was nicht geht, da es seiner perfekten Rationalität widersprechen würde), müsste er wiederum, wie bei moralischen Wahrheiten, sein „Versprechen“ brechen – was unmoralisch wäre und ebenfalls seinem Wesen widersprechen würde.

Fazit

Gottes Allmacht bedeutet nicht, dass er alle Zustände hervorbringen kann, die wir in eine Proposition packen können – darüber herrscht allgemeiner Konsens.

Meine Definition knüpft alle Zustände, die Gott nicht hervorbringen kann, an seine Eigenschaften. Es gibt Zustände, die Gott im Fähigkeits-Sinn nicht hervorbringen kann, wie seine Existenz oder seine Allwissenheit zu beenden. Andere Zustände kann Gott lediglich im Ausführungs-Sinn nicht hervorbringen, weil ihn seine moralische und/oder rationale Vollkommenheit daran hindert.

Kann Gott die Vergangenheit ändern? Im Sinne von Fähigkeit bejahe ich diese Aussage, im Sinne von Ausführung verneine ich sie. Gott würde im Falle einer nachträglichen Veränderung der Geschichte die menschliche Handlungsfreiheit konterkarieren, was moralisch falsch wäre.

Kann Gott notwendige und logisch unmögliche Zustände hervorbringen? Beides verneine ich, begründe es aber mit der Göttlichen Gedankentheorie der logischen Notwendigkeiten. Demnach haben abstrakte, notwendige Wahrheiten wie die arithmetischen Gesetze als Wahrmacher die Gedanken Gottes. Logisch notwendige und logisch unmögliche Propositionen sind demnach Gedanken, die Gottes innerer, perfekt rationaler Struktur widersprechen, die er also „nicht denkt“.

Insgesamt kommt meine Definition der Allmacht Gottes also ohne jegliche Beschränkung aus, die unabhängig von Gott existiert – und das sollte Gottes Ehre eher vermehren als vermindern.


[1] Markus 10,27

[2] Die Begriffe „Allmacht“ und „Omnipotenz“ verwende ich hier, im Gegensatz zu anderen Autoren (z.B. Peter Geach) synonym.

[3] Swinburne, Richard: “Omnipotent” in: The Coherence of Theism, OUP 1977

[4] Wierenga, Edward: “Omnipotence” in: The Nature of God, Cornell University Press 1989

[5] Pike, Nelson: Omnipotence and God’s Ability to Sin (American Philosophical Quarterly, Vol. 6, No. 3 1969)

[6] Also ohne Anfang und Ende.

[8] Lukas 16,19-31

[9] Er hätte dann seine Allmacht im Ausführungs-Sinn abgelegt; dass er sie im Fähigkeits-Sinn ablegen kann, scheint mir immer noch nicht einmal denkbar

[10] If an individual does not have the creative-power necessary to bring about evil states of affairs, he cannot be praised (morally) for failing to bring them about. (Pike 1969, S. 215)

[11] Flint, Thomas P. & Freddoso, Alfred J.: “Maximal Power” in: The Existence and Nature of God (Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press, 1983)

[12] Wierenga 1989

[13] Conee, Earl: „The Possibility of Power Beyond Possibility“ Philosophical Perspectives, 5: 447–73.

[14] Ich gehe hier stets von den perfekten geometrischen Formen aus.


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