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Eine Analyse von Paul R. Vogts „Überlegungen eines besorgten Schweizer Bürgers“

Eine Analyse von Paul R. Vogts „Überlegungen eines besorgten Schweizer Bürgers“

Herzchirurg Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt hat in der Zeitung „Die Mittelländische“ einen vielbeachteten Kommentar zur Corona-Situation verfasst.

Aufgrund des inzwischen über die Schweiz hinausreichenden Einflusses seines Beitrags ist es sinnvoll, seine Thesen einer näheren Analyse zu unterziehen.

Eines vorweg: Ich bin kein Mediziner, besitze aber immerhin Universitätsabschlüsse in Biologie und Chemie auf Masterniveau und habe daher eine gewisse Grundkompetenz in Sachen Life Science. Jetzt schreibe ich eher mit dem Impetus der Philosophie (worin ich derzeit meine Promotion abschliesse). Aber eigentlich braucht es für die folgenden Gedankengänge nur eines: gesunden Menschenverstand und die Bereitschaft, sich dessen zu bedienen.

Ich fokussiere mich auf die Abschnitte 1 bis 3 in Vogts Artikel, wo es um die Statistik und Wirkung des Coronavirus SARS-CoV-2 geht.

1.    Die Zahlen in den Medien

Vogt beginnt mit der Feststellung, dass „wir nicht wissen, wie viele Personen lediglich folgenlos Kontakt mit dem Virus hatten und wie viele Personen tatsächlich krank geworden sind.“ (meine Hervorhebungen). Unzweifelhaft richtig ist der erste Satzteil – wir wissen nicht, wie viele Menschen folgenlos Kontakt mit dem Virus hatten, wobei nicht klar ist, ob er mit „Kontakt“ eine Ansteckung meint oder einen nicht-infektiösen Kontakt mit Infizierten. Wie auch immer, beide Parameter könnte man nur durch flächendeckende oder zumindest repräsentative Tests (bzw. mit zusätzlichem Monitoring vergangener Kontakte) valide erfassen, wie auch Vogt selbst festhält: „Die Anzahl asymptomatischer COVID-19 Träger ist wichtig, um Vermutungen über die Ausbreitung der Pandemie machen zu können. Um brauchbare Daten zu haben, hätte man jedoch zu Beginn der Pandemie breite Massentests durchführen müssen.“ Missverständlich und verwirrend hingegen ist der zweite im Satz genannte Punkt. Zumindest seit CoVID-19 in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt ist, haben die Gesundheitsbehörden umfassende Daten darüber, wie viele Corona-positive Personen entsprechende Krankheitssymptome aufweisen bzw. hospitalisiert sind. Dies einfach deswegen, weil überall dazu aufgerufen wird, dass bei gewissen Symptomen (z.B. Fieber über 38 °C, Kurzatmigkeit, oder Geschmacks-/Geruchsverlust) ärztliche Hilfe konsultiert werden soll, und man davon ausgehen kann, dass dem auch Folge geleistet wird sowie von den Ärzten entsprechend eingeschätzte Fälle auch auf SARS-CoV-2 getestet werden.

Er kann also kaum meinen, dass eine grosse Unsicherheit bezüglich der tatsächlichen Anzahl an Krankheitsfällen besteht; plausibler ist, dass er sagen will, dass unklar ist wie viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind (und dass er mit „folgenlosem Kontakt“ dementsprechend einen Kontakt ohne Infektion meint). Nun aber sind eine Infektion und eine Erkrankung zwei verschiedene Dinge. Infektion bedeutet nur, dass man einen bestimmten Erreger im Körper trägt. Dies konstituiert aber noch keine Erkrankung, diese liegt erst bei Manifestierung von Symptomen vor.  Wie wir noch sehen werden, ist diese sprachliche Unterscheidung durchaus wichtig, weil ihr vermutlich ein tatsächlicher medizinischer Unterschied zugrunde liegt. Von Prof. Vogt als hochdekoriertem Mediziner könnte man jedenfalls erwarten, dass er sich präziser ausdrückt.

Vogt fährt fort, die Problematik der mangelnden Kenntnis über tatsächlich vorhandene Coronavirus-Infektionen zu beklagen. Er geht davon aus, „dass wohl 15x bis 20x mehr Personen COVID-19-positiv sind, als in den täglichen Berechnungen dargestellt wird.“ Des Weiteren fordert die Ergebung einer Reihe von Parametern (die ich zur leichteren Bezugnahme nummeriere):

  1. eine exakte, weltweit gültige Definition der Diagnose «an COVID-19 erkrankt»: a) positiver Labortest + Symptome; b) positiver Labortest + Symptome + entsprechender Befund im Lungen-CT; oder c) positiver Labortest, keine Symptome, aber entsprechende Befunde im Lungen-CT.
  2. die Anzahl hospitalisierter COVID-19-Patienten auf der Allgemeinabteilung
  3. die Anzahl COVID-19-Patienten auf der Intensivstation
  4. die Anzahl beatmeter COVID-19-Patienten
  5. die Anzahl von COVID-19-Patienten am ECMO
  6. die Anzahl an COVID-19 Verstorbenen
  7. die Anzahl infizierter Ärzte und Pflegepersonen

Das klingt alles sinnvoll, und dennoch existieren solche Daten offenbar nicht. Das ist ein Grund, warum die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2 möglicherweise falsch eingeschätzt wird. Besonder aufmerksam machen möchte ich auf Punkt 6. Hierbei wird die Frage ignoriert, wie man eigentlich COVID-19 als (alleinige) Todesursache feststellen will, versus COVID-19 als Teilursache (z.B. wenn andere Viren oder Vorerkrankungen vorliegen). Wir kommen hierauf gleich zurück.

2. «Eine gewöhnliche Grippe»

Dr. Vogt vertritt die Ansicht, dass es sich bei COVID-19 um keine gewöhnliche Grippe, sondern vielmehr eine aggressive, inzwischen pandemische Viruserkrankung handelt. Um dies zu erkennen, plädiert er dafür, „die Leute an der Front“ zu fragen. Für mich ist nicht klar, dass er selbst dies in einem Masse getan hat, die seine Schlussfolgerung rechtfertigen würde.

Vogt beruft sich darauf, dass weder er noch seine Ärzte- oder Pflegekollegen „in den letzten 30 oder 40 Jahren“ sich an folgende Zustände erinnern können:

  1. ganze Kliniken mit Patienten gefüllt sind, welche alle dieselbe Diagnose besitzen;
  2. ganze Intensivstationen mit Patienten gefüllt sind, welche alle dieselbe Diagnose aufweisen;
  3. 25% bis 30% der Pflegenden und der Ärzteschaft genau jene Krankheit auch erwerben, welche jene Patienten haben, die sie betreuen;
  4. zu wenig Beatmungsgeräte zur Verfügung standen;
  5. eine Patientenselektion durchgeführt werden musste, nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil wegen der schieren Anzahl an Patienten schlicht das entsprechende Material gefehlt hat;
  6. die schwerer erkrankten Patienten alle dasselbe – ein uniformes – Krankheitsbild aufgewiesen haben;
  7. die Todesart jener, die auf der Intensivstationen verstorben sind, bei allen dieselbe ist;
  8. Medikamente und medizinisches Material auszugehen drohen.

Aufgrund dieser Punkte folgert Vogt, dass es „klar“ sei, „dass es sich um einen gefährlichen Virus handelt, der dieser Pandemie zugrunde liegt.“ Das ist eine viel zu starke, durch die vorgebrachten Indizien nicht gerechtfertigte Schlussfolgerung. Wenn „ganze Kliniken“ und „ganze Intensivstationen“ mit COVID-19-Patienten gefüllt sind, sollte es doch leicht sein, wenigstens ein paar Beispiele zu nennen – das tut Vogt aber nicht, vermutlich kann er es auch gar nicht, weil offenbar Kliniken sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland derzeit unterbelegt (!) sind.

Noch dringender nötig wären Referenzen bei der spezifischeren Behauptung, 25-30 % des klinischen Personals seien mit SARS-CoV-2 infiziert. Ebenso darf gefragt werden, ob (jedenfalls in der Schweiz) tatsächlich zu wenig Beatmungsgeräte zur Verfügung standen (bei unterbelegten Kliniken eher unwahrscheinlich), und ob eine Patientenselektion durchgeführt werden musste (ebenfalls unglaubwürdig – oder gibt es hierzu konkrete Meldungen?). Vielleicht bezieht sich Vogt hier auf andere Länder, dann sollte er dies klarmachen. Bei Punkt g) kommt zum Tragen, was ich oben schon angesprochen habe: Bei wie vielen der Verstorbenen das Coronavirus wirklich die Todesursache war (etwa in dem Sinne, wie ein Herzinfarkt eine Todesursache ist), ist eine nicht triviale Frage, die einer Untersuchung bedarf. Man kann jedenfalls nicht einfach behaupten, dass jeder, der in einem Krankenhaus mit SARS-CoV-2 im Blut gestorben ist, auch an diesem Virus gestorben ist. Einige renommierte Mediziner weisen darauf hin, dass mindestens in einer Vielzahl der Todesfälle das Coronavirus bestenfalls eine Teilursache gewesen sein kann, z.B.:

  • Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel: „Ohne Vorerkrankung ist an Covid-19 noch keiner gestorben“ (Der Artikel erschien in der Hamburger Morgenpost am 3.4.2020 auf S. 2)
  • Prof. Dr. Sucharit Bhakdi auf Youtube (Interview vom 19.03.2020): „Tötet dieses Virus „nur“ ältere Menschen mit Vorerkrankung, so wie die anderen Coronaviren, oder auch junge Menschen? Die Antwort ist völlig klar: Wir haben 10.000 Infektionen. 99% davon haben keine oder nur leichte Symptome.“

Vogt scheint solche Einwände vorauszusehen, wenn er schreibt: „Die Behauptungen, eine «Influenza» sei genau gleich gefährlich und koste jedes Jahr gleich viele Opfer ist falsch. Zudem ist die Behauptung, man wisse nicht, wer «an» und wer «wegen» COVID-19 sterbe, ebenso aus der Luft gegriffen.“ Wie begründet Vogt diese wiederum sehr apodiktischen Aussagen? Folgendermassen:

„[H]at man das Gefühl, bei Influenza seien immer alle Patienten «wegen» Influenza gestorben und nie einer «mit»? Sind wir Mediziner im Rahmen der COVID-19-Pandemie nun alle plötzlich so verblödet, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob jemand «mit» oder «wegen» COVID-19 stirbt, wenn diese Patienten eine typische Klinik, typische Laborbefunde und ein typisches Lungen-CT aufweisen? Aha, bei der Diagnose «Influenza» waren natürlich alle immer hellwach und haben immer die ganze Diagnostik bemüht und waren immer sicher: nein, bei der Influenza sterben alle «wegen» und nur bei COVID-19 viele «mit».

Vogt scheint sich hier auf die Kompetenz von Medizinern zu berufen, zuverlässig zwischen einem Virus als Haupt- und als Teilursache für den Tod eines Menschen unterscheiden zu können. Dabei nennt er drei Kriterien (typische Klinik, typische Laborbefunde, typisches Lungen-CT) für einen Tod „wegen“ COVID-19. Er scheint aber auch (im ersten oben zitierten Satz) die Möglichkeit eines Todes „mit“ (zumindest für Influenza) zuzulassen. Mehrere kritische Anfragen ergeben sich hier. Erstens, da es sich um das Neue Coronavirus handelt, woher die Definition von „typisch“, wenn nicht festgestellt wird, ob nicht auch andere Viren vorhanden sind, die Atemwegserkrankungen auslösen können? Wenn man wiederum einfach ein bestimmtes Lungen-CT mit „Corona-positiv“ korreliert und dies zum „COVID-19-typischen“ Lungen-CT erklärt, dann ist dies eine wackelige Grundlage. Könnten die entsprechenden Beobachtungen nicht durch ein Zusammenspiel von SARS-CoV-2 und anderen Viren verursacht worden sein? Könnten des Weiteren nicht auch andere Faktoren, wie Alter, Vorerkrankungen oder Stärke des Immunsystems einen starken Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben? Offenbar können laut Vogt Ärzte bei Influenza zwischen Toden „mit“ und Toden „an“ unterscheiden, warum wird diese Unterscheidung beim Coronavirus nicht gemacht? Oder will Vogt nun doch im dritten Satz das im ersten Satz nahegelegte Statement widerrufen und sagen, ein Influenza-Positiver Toter werde von Ärzten immer als „an Influenza verstorben“ klassifiziert? Selbst wenn das so wäre, ist es kaum glaubhaft, dass Ärzte nicht differenzieren zwischen Influenza-Toten ohne und mit Vorerkrankungen.

Ein glasklarer Tod an COVID-19 wäre wie folgt: ein gesunder, nicht zu alter Patient, der keine anderen Viren im Körper trägt, verstirbt aufgrund der typischen COVID-19-Symptome. Ich weiss nicht, wie viele solche Patienten es bisher gegeben hat. Klar scheint, dass bei der Mehrzahl der Toten von einer multifaktoriellen Situation ausgegangen werden muss. Zwei Indizien dafür aus Italien, dem am schwersten betroffenen europäischen Land:

  • Der Leiter des italienischen Zivilschutzes, Angelo Borelli, erklärte am 21.3.20: „Ich möchte aber noch einmal darauf hinweisen, dass wir alle Verstorbenen zählen; dass wir nicht unterscheiden zwischen Corona-Infizierten, die gestorben sind, und denen, die wegen des Coronavirus gestorben sind.“ (tagesschau.de bei Min. 10:30)
  • Der Bericht des Instituto Superiore de Sanitá vom 30.3.20 gibt an: 2,1 % der Verstorbenen, bei denen eine COVID-19-Infektion festgestellt wurde, hatten keine Vorerkrankungen; 21,6 % hatten eine Vorerkrankung wie z. B. Bluthochdruck, Diabetes oder koronare Herzkrankheit; 24,5 % hatten zwei; 51,7 % hatten drei oder mehr.

Oder hier zwei Einzelfälle junger Menschen, bei denen schwere Vorerkrankungen vorlagen:

Vogt gibt als Indiz für die Gefährlichkeit des Coronavirus an, das 25-30 % des Klinikpersonals daran erkrankt und eine relativ grosse Anzahl davon daran sterben. Wiederum stellt sich die Frage, woher diese Zahlen kommen, und wie sie gewonnen wurden. Wenn, wie für die Bevölkerung insgesamt, die Zahlen der tatsächlich Infizierten unter Ärzten und Pflegepersonal unbekannt sind, kann man auch kaum eine Mortalitätsrate berechnen. Hier kommt Vogts vorherige Mutmassung, die Dunkelziffer der Corona-Positiven sei in der Schweiz 15 bis 20 Mal höher als angenommen, wie ein Bumerang auf ihn zurück. Das BAG gibt für den 21.04.2020 eine Zahl von 28‘063 positiven Fällen an, sowie 1187 Todesfälle. Daraus errechnet sich eine Sterberate von 4,2 %. Hat Vogt Recht, fällt diese jedoch auf 0,28 bis 0,21 % und wäre im Bereich der Influenza-Grippe.

Zudem besteht wieder die Möglichkeit von multifaktoriellen Krankheitsverläufen, evtl. sind die hohen Arbeitsbelastungen im Gesundheitswesen, verbunden mit Rauchen und angeschlagenen Immunsystemen signifikant. Wiederum bräuchte es hier mehr Daten, um wohlbegründete Aussagen machen zu können. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die hohe Ansteckungsrate des SARS-CoV-2 als gesichert gelten kann (vgl. https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-in-heinsberg-virologe-streeck-sieht-moegliche-lockerung-16718884.html), aber gar nicht der wesentlich Punkt ist. Damit COVID-19 eine gefährliche Pandemie darstellt, muss es neben hoher Infektiosität auch noch überdurchschnittliche Aggressivität selbst für Gesunde aufweisen, und genau dieser Beweis ist bisher ausgeblieben.

3. «Es sterben nur alte und kranke Patienten» Prozentzahlen – Nebendiagnosen – Moral und EUGENIK

Oder vielleicht doch nicht? Vogt bezieht sich auf „einige Studien und Berichte, welche zeigen, dass auch Kinder an COVID-19 verstorben sind“. Zudem weist er darauf hin, dass die Altersspanne der in der Schweiz Verstorbenen zwischen 32 und 100 Jahren liege. Angaben über die gesundheitliche Situation der Erkrankten? Fehlanzeige. Genau die bräuchte man aber, um solche Fälle einordnen zu können. Die Gesamtzahlen zeigen klar, und das bestreitet auch Vogt nicht, dass vor allem alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen sterben (BAG Schweiz, 21.04.20: 97 % der verstorbenen Personen mit mindestens einer Vorerkrankung, Altersmedian 84 Jahre, siehe auch Grafik unten).

Quelle: BAG, Datum: 21.04.2020

Bei Kindern und jungen Menschen sollte nach weiteren Faktoren gefragt werden (und oft sind diese vorhanden, siehe oben). Und selbst wenn sehr wenige junge, gesunde Menschen aufgrund des Coronavirus sterben, rechtfertigt dies noch keinen Pandemieausruf und die damit verbunden drastischen Einschränkungen von Leben und Wirtschaft.

Vogt liefert keine weiteren Argumente, warum wir an eine hohe Gefährlichkeit des Coronavirus glauben sollten. Vielmehr schiesst er sich auf eine von ihm so wahrgenommene Geringschätzung von absoluten Todeszahlen und den Toden älterer Menschen ein:

„Ob wegen COVID-19 nun 0.9% oder 1.2% oder 2.3% versterben ist sekundär und bloss Futter für Statistiker. Relevant ist die absolute Anzahl an Toten, die diese Pandemie verursacht. Sind 5000 Tote weniger schlimm, wenn sie 0.9% aller COVID-19-Träger darstellen? Oder sind 5000 Tote schlimmer, wenn sie 2.3% aller COVID-19-Träger darstellen?“

„Angeblich beträgt das durchschnittliche Alter der verstorbenen Patienten 83 Jahre, was von vielen – von zu vielen in unserer Gesellschaft – wohl als vernachlässigbar abgetan wird. Die lässige Grosszügigkeit, wenn andere sterben, ist in unserer Gesellschaft nicht zu übersehen. Das andere, das sofortige Geschrei und die immediaten Schuldzuweisungen, wenn es einem selber oder nächste Angehörige trifft, kenne ich zur Genüge.“

Natürlich ist jeder Tod schlimm, und möglichst zu verhindern, und natürlich auch bei alten Menschen. Falls bei Einzelnen oder in den Medien eine Geringschätzung von älteren Menschen vorhanden ist (für die Medien kann ich das so nicht bestätigen), ist das ethisch verwerflich. Aber im Fall von COVID-19 geht es um die Einschätzung als Pandemie und um damit verbundene massive Einschränkungen von verfassungsmässigen Grundrechten, dem öffentlichen und sozialen Leben sowie der Wirtschaft. Und hier ist die Statistik eben schon von Bedeutung. Selbst stärkere Influenzawellen wie 2017/18 führten zu keinem „Lockdown“, obwohl tausende Menschen daran starben (geschätzte 25‘100 in Deutschland) – weil statistisch gesehen eben keine Pandemie vorlag, nicht weil jeder einzelne Tote nicht beklagenswert gewesen wäre.

Völlig unklar ist, warum Vogt, statt sich mit dem statistisch gut abgesicherten hohen Altersschnitt der Corona-Toten näher zu befassen, mit dem Finger auf von ihm wahrgenommene ethische Fehlhaltungen hinweist. So sehr seine Aufgebrachtheit auch verständlich ist, so klar ist, dass er hier einen Kategorienfehler begeht und überdies eine rhetorische Nebelkerze zündet – nicht mehr so weit von dem entfernt, was er den Medien vorwirft („Sensations-Presse“).

Am Ende dieses Abschnitts geht Vogt dann doch noch auf die Thematik der Vorerkrankungen ein. Er hält festgestellte Vorerkrankungen offenbar für Artefakte eines übertriebenen Untersuchungseifers:

„Zudem: wenn 1000 über 65-Jährige oder 1000 über 75-Jährige untersucht werden, die bisher meinten, sie seien gesund, haben nach einem gründlichen Check wohl >80% neu 3 „Nebendiagnosen“, besonders wenn es sich um die weit verbreiteten Diagnosen „hoher Blutdruck“ oder „Zucker“ handelt.“

Man kann davon ausgehen, dass die Diagnosen „hoher Blutdruck“ und „Diabetes“ zuverlässig sind. Und wenn hoher Blutdruck oder Diabetes vorliegt, kann dies eben schon ein gewichtiger Faktor im Kampf eines Organismus gegen ein Virus sein. Da scheint es eher unerheblich, wie sich ein älterer Mensch vor dem Check fühlt. Solange wir nicht mehr wissen über den Zusammenhang zwischen Vorerkrankungen und COVID-19-Verlauf (wobei die bisherigen Daten einen starken Zusammenhang nahelegen), ist die Abkanzelung solcher Zusammenhänge, zumal auf eine so polemische Weise, schlicht unangebracht.

Zusammenfassung

Ich hoffe, mindestens gezeigt zu haben, dass Herrn Dr. Vogts sehr starke Thesen in dieser Stärke durch die von ihm vorgebrachten Argumente und Indizien nicht gerechtfertigt werden. Er berücksichtigt die z.T. von ihm selbst angeführten Tatsachen der Unkenntnis an Gesamtfallzahlen, des Alters und der Vorerkrankungen der Toten sowie weitere mögliche weitere Letalitätsfaktoren im Grunde gar nicht. Das ist kein wissenschaftlich-argumentativer Stil, sondern eher polemische Meinungsmache mit wissenschaftlichem Anstrich. Paul Robert Vogt plädiert für mehr Sachlichkeit und eine Abkehr von der „Sensations-Presse“; mit gutem Beispiel geht er selbst nicht voran, daran ändern auch seine lobenswerten moralischen Zwischenrufe nichts.

Titelbild: Akif Yılmaz / freeimages.com

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