alincucu.de | Das Argument vom Übel gegen die Existenz Gottes
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Das Argument vom Übel gegen die Existenz Gottes

Das Argument vom Übel gegen die Existenz Gottes

Im Folgenden möchte ich darlegen, warum die Existenz von Übel in der Welt gegen die Existenz Gottes, genauer gesagt des theistischen Gottes, spricht.

Der theistische Gott wird als allmächtig und allwissend sowie vollkommen gut beschrieben. Gleichzeitig ist die Existenz von Übel (auf dessen Differenzierung ich weiter unten noch eingehen werde) eine offensichtliche Tatsache. Dementsprechend möchte ich darlegen, dass die Aussagen

  • Gott ist allmächtig und allwissend
  • Gott ist vollkommen gut
  • Es existiert Übel in der Welt

einen inneren Widerspruch beinhalten.

Einen direkten (deduktiv-schlüssigen) Widerspruch kann man daraus allerdings nicht ableiten. (3) ist eine offensichtliche Wahrheit. Sind (3) und (1) oder (3) und (2) wahr, ist die dritte Aussage nicht zwingend falsch, genauso wenig wie die Wahrheit von (1) und (2) die Wahrheit von (3) ausschließt. Gott könnte schließlich einen Grund haben, Übel zuzulassen; einen Grund freilich, der die Existenz des Übels und dessen negative Folgen rechtfertigt. Deswegen konzentriert sich das Argument darauf, nachzuweisen, dass ein allmächtiger, allwissender und vollkommen guter Gott keinen moralisch hinreichenden Grund hat, Übel zuzulassen. Dementsprechend müsste man obige Triade wie folgt erweitern:

  • Gott ist allmächtig und allwissend
  • Gott ist vollkommen gut
  • Es existiert Übel in der Welt
  • Ein allmächtiges, allwissendes und vollkommen gutes Wesen hat einen moralisch hinreichenden Grund, Übel zuzulassen

(4) ist eine notwendige Wahrheit, (3) offensichtlich wahr. Deshalb können (1) und (2) nur dann gleichzeitig wahr sein, wenn sich für (4) ein moralisch hinreichender Grund finden lässt.

Moralisch hinreichende Gründe

Moralisch hinreichende Gründe wären in erster Linie:

  • Fehlen der Fähigkeit zum Verhindern von Übel
  • Fehlen des Wissens um das Übel
  • Fehlen des Wissens um die Fähigkeit zur Verhinderung von Übel

Da Gott sowohl allmächtig als auch allwissend sei, fällt jeder dieser drei Gründe offensichtlich weg.

Als moralisch hinreichende Gründe, Übel zuzulassen, verbleiben deshalb

  • Gewinnen eines Gutes größer als das zugelassene Übel
  • Verhindern eines Übels größer als das zugelassene Übel

An dieser Stelle muss zwischen den beiden Arten von Übel differenziert werden: moralisches und natürliches Übel. Ersteres ist anthropogen, letzteres nicht (also z.B. Naturkatastrophen oder nicht-anthropogene Krankheiten). Dies macht einen wesentlichen Unterschied für Gottes Gründe der Zulassung von Übel: im einen Fall muss er Wesen mit eigenem Willen gewähren lassen, im anderen das Wirken von Naturprozessen stoppen.

Moralisches Übel

Betrachten wir zunächst den Fall des moralischen Übels. Gewinnt Gott ein größeres Gut dadurch, dass er Menschen darin gewähren lässt, Böses zu tun? Ein solches Gut könnte der freie Wille des Geschöpfs Mensch sein: es wäre demnach viel besser, dass Menschen einen eigenen, in Bezug auf Gut und Böse freien Willen haben, als dass sie auf das Gute „programmiert“ wären. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, ob der freie Wille des Menschen wirklich ein so großes Gut ist, dass er das oft unsagbare Leid, das er hervorbringt, aufwiegt. Man mag hiergegen einwenden, dass „programmierte“ Menschen keine gute Alternative wären – Gott somit durch die Zulassung des freien Willens beim Menschen ein größeres Übel verhindert hat, als es das vom Menschen hervorgebrachte Leid ist. Dieser Einwand scheint jedoch nicht berechtigt: Tiere können nicht frei zwischen Gut und Böse wählen – und scheinen dennoch ein glückliches Leben zu führen (was ihre Beeinträchtigung durch natürliches Übel angeht, s. weiter unten). Es wäre durchaus vorstellbar, dass Gott Menschen schafft, die keinen freien Willen in Bezug auf Gut und Böse, aber dennoch in Bezug auf nicht-moralische Angelegenheiten haben – und ob ihrer körperlichen wie geistigen Komplexität dennoch ein erfülltes Leben leben.

Und selbst wenn man auf dem freien Willen als hohes Gut besteht, wäre dagegen immer noch einzuwenden, dass Gott in seiner Allmacht auch Menschen hätte schaffen können, die trotz prinzipiell freien Willens moralisch so unfehlbar sind, dass sie immer das Gute wählen.

Ein anderes Gut, das das Zulassen von moralischem Übel rechtfertigen könnte, ist die Verantwortlichkeit bzw. charakterliche Schulung sowohl der Leid Verursachenden als auch der Leid Tragenden. Wieder muss man jedoch einwenden, dass das verursachte Leid – man denke z.B. an Kindesmißbrauch – oft bei weitem das Gut eines dadurch geschulten Charakters übertrifft. Auch auf Seiten der Verursacher von Leid lässt sich sehr oft weder Reue noch irgendeine Form von Lernfortschritt beobachten. Wenn nun ein größeres Gut nicht erworben wird, wird dann wenigstens ein größeres Übel verhindert? Ähnlich wie weiter oben ausgeführt, muss man wohl auch hier zugeben, dass der Verlust von Charakterschulung sicherlich zu verschmerzen wäre, wäre dadurch das moralische Übel zu verhindern.

Somit hat Gott durch die Zulassung des freien Willens des Menschen weder ein größeres Gut gewonnen noch ein größeres Übel verhindert. Er hat somit keinen moralisch hinreichenden Grund, moralisches Übel zuzulassen; da ein Wesen laut (1) und (2) aber einen solchen bräuchte, spricht die Existenz von moralischem Übel gegen die Existenz des theistischen Gottes.

Natürliches Übel

Wenden wir uns nun dem natürlichen Übel zu. Hierbei geht es um Dinge wie Naturkatastrophen, Krankheiten und Ähnlichem, das Mensch und Tier ohne ihr Verschulden trifft. Gewinnt Gott durch deren Zulassung ein größeres Gut? Sicherlich könnten viele Fälle angeführt werden, in denen ein natürliches Übel ein bestimmtes, möglicherweise größeres, Gut hervorbrachte. Man denke an Fortschritte in der Medizin, verursacht durch schlimme Epidemien; Fortschritte im Bauwesen, verursacht durch schlimme Erdbeben u.dgl. Auf der anderen Seite können auch viele Fälle angeführt werden, in denen natürliches Übel keinerlei positive Auswirkungen hatte. Viele Menschen sind unbemerkt irgendwo auf dem Erdball durch Krankheiten oder Naturkatastrophen umgekommen; aus ihrem Tod oder Leid wurde nie eine positive Konsequenz gezogen. Ein allmächtiger und allwissender Gott müsste aber kraft seiner Fähigkeiten in allen diesen Fällen ein größeres Gut erwerben können. Sicherlich kann man einwenden, dass wir eben nur begrenzte Wahrnehmung und Wissen haben und dementsprechend über Güter außerhalb unseres Horizonts keine Aussage machen können. Dennoch gibt es gute rationale Gründe, daran festzuhalten, dass Gott durch die Zulassung von moralischem Übel kein größeres Gut gewinnt.

Wie steht es mit der Verhinderung eines größeren Übels? Es lässt sich nicht feststellen, was dieses Übel sein sollte. Es würde unserer Welt kaum etwas Positives fehlen, gäbe es kein natürliches Übel. Vielleicht hätten die Wissenschaften etwas weniger Fortschritt gemacht; das ist aber zu verschmerzen angesichts des furchtbaren Leids, das viele Tiere und Menschen befällt. Außerdem hat sich der menschliche Forschergeist als außerordentlich neugierig erwiesen, auch ohne Einwirkung von Katastrophen. Die Wissenschaft und Technologie wäre also durch das Fehlen von natürlichem Übel sicherlich nicht zum Stillstand gekommen.

Aus diesen Ausführungen lässt sich ersehen: Gott hat auch im Bereich des natürlichen Übels keinen moralisch hinreichenden Grund, es zuzulassen. Deshalb spricht auch die Existenz von natürlichem Übel gegen die Existenz des theistischen Gottes.

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